Agile Methoden/ 10.11.2021 / Benjamin Roschanski

Funktionierende Fehlerkultur als Basis für erfolgreiche agile Unternehmen

Softwareentwicklung und das Zusammenspiel von Entwicklerteams werden immer komplexer. Damit steigen die Herausforderungen an alle Beteiligten. Damals wie heute ist es unvermeidlich, dass es bei der Softwareentwicklung auch zu Fehlern kommt. Es macht einen bedeutenden Unterschied, wie das Team die Fehler betrachtet, bewertet und damit umgeht – sprich, welche Fehlerkultur vorherrscht.

Der Begriff Fehlerkultur wird dabei definiert als die Art und Weise, wie Gesellschaften, Kulturen und soziale Systeme mit Fehlern, Fehlerrisiken und Fehlerfolgen umgehen. Nachfolgend möchte ich einen Einblick geben, wie sich eine mangelnde Fehlerkultur in einem Team oder Unternehmen äußern kann und Anregungen geben, wie sich eine positive Fehlerkultur etablieren lässt.

Eine schwach ausgeprägte Fehlerkultur ist oft versteckt

Eine mangelhafte Fehlerkultur kann sich auf verschiedene Weise äußern, teilweise auch sehr subtil. Dazu gehören vor allem die folgenden beiden Themen:

Kuschel-Retrospektiven – In der Retrospektive klebt jedes der Teammitglieder seine Klebezettel an die Wand: „Tolles Team“, lässt sich dort lesen, „gutes Sprint-Ergebnis“ oder ähnlich euphorische Aussagen. Warum läuft eine Retrospektive so ab? Schließlich hat sie auch den Zweck, den Projektablauf kritisch zu beleuchten, um für die Zukunft zu lernen. Der gewählte Kuschelkurs ist zwar „gesichtswahrend“ für alle Teammitglieder, allerdings bleibt das Team auf diese Weise in seiner Entwicklung stehen. Besser ist es, wenn es sich durch offene Ansprache von Fehlern verbessert, weiterentwickelt oder auch durch Experimente dazulernt.

„Wer schreibt, bleibt.“ – Das schriftliche Festhalten und Dokumentieren von Arbeitsergebnissen ist fester Bestandteil der täglichen professionellen Arbeit. Übermäßige Dokumentation und deren Formalisierung sind hingegen ein weiteres Indiz für mangelnde Fehlerkultur und überzogene Kontrollstrukturen. Die Dokumentation sollte in keinem Fall nur dazu dienen, schriftlich festzuhalten, wer im Fall einer unangenehmen Entwicklung „angeschwärzt“ werden soll.

Fehlerkultur als Basis für die agile Transformation und Innovation

Nahezu jedes Technologie-Unternehmen steckt aktuell in einer agilen Transformation. Leider ist in der Praxis häufig festzustellen, dass der Schwerpunkt auf der Definition und Anpassung von Prozessen, Organigrammen und Rollen liegt. Nachfolgend betrachten wir einige Aspekte der Agilität und deren Zusammenhang mit der Fehlerkultur der Organisation.

Inspect & Adapt – Im Manifest für Agile Softwareentwicklung ist zu lesen: „In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an“. Dies manifestiert sich beispielsweise bei Scrum in der Retrospektive, in der das Scrum-Team gemeinsam überlegt, wie es seine Arbeitsweise anpassen kann, um im nächsten Sprint noch besser zu werden. Dieses Paradigma kann jedoch nur in solchen Unternehmen oder Teams funktionieren, in denen eine offene Fehlerkultur vorherrscht.

Teamgeist & Selbstorganisation – Ein selbstorganisiertes und interdisziplinäres Team lebt vom gemeinsamen Austausch und der gegenseitigen Unterstützung. Die Skills und das Wissen eines jeden Einzelnen sind notwendig, um das Produkt zum Erfolg zu bringen. Fehlen in einem solchen Team das gegenseitige Vertrauen und eine gesunde Einstellung zu Fehlern, herrscht ein ständiges Misstrauen den anderen gegenüber. Eine solche Grundeinstellung gegenüber den Kollegen und deren Fehlern erstickt jede Selbstorganisation im Keim. Nur mit einer positiven Fehlerkultur ist es möglich, den richtigen Teamgeist für die agile Transformation mitzubringen.

Etablierung einer positiven Fehlerkultur

Es stellt sich nun die Frage: Wie lässt sich eine funktionierende Fehlerkultur in einem Team oder einer Organisation etablieren? Dafür kann ich hier kein Standardrezept vorstellen. Jedoch möchte ich nachfolgend ein paar Anregungen geben und dabei auch über den Tellerrand der IT hinausschauen.

Das gegenseitige Beobachten, mit dem Ziel Feedback zu geben, manifestiert sich in Entwicklungsteams beispielsweise in Code Reviews oder Pair Programming. Das Ziel dabei ist es, Fehler möglichst früh zu erkennen, noch ehe sie in das Produkt und zum Kunden wandern. Ebenso werden Know-how-Transfer und Erfahrungsaustausch zwischen den Entwicklern stark gefördert.

Für die Etablierung einer Fehlerkultur bedarf es jedoch nicht nur Maßnahmen auf operativer Ebene. Auch dem Management kommt eine entscheidende Rolle zu. Ein Mitarbeiter muss großes Vertrauen darin haben, dass – sollte dem Mitarbeiter ein Fehler unterlaufen – er keine disziplinarischen Folgen seitens seiner Führungskraft zu befürchten hat. Ein solches Vertrauen aufzubauen ist nicht leicht. Ein guter Ansatz ist aber die persönliche Nähe, beispielsweise beim gemeinsamen Mittagessen oder dem Gespräch in der Kaffeeküche, um damit ehrliches Interesse und Wertschätzung zu zeigen.

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Eine ausführliche Version dieses Artikels ist ursprünglich bei Informatik Aktuell erschienen.

 

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