Digitalisierung und Innovation / 16.12.2020 / Klaus Kudjakov

Open Banking, Kundenzentrierung, digitale Plattformen – Aktuelle Herausforderungen für Kernbankensysteme

Im Kernbankensystem (Core Banking System – CBS) spielt sich die digitale Bearbeitung der fachlichen Kernprozesse einer Bank ab. Die vorliegende Blogserie beschäftigt sich mit der Frage, welche Modernisierungsschritte bei vorhandenen Kernbanksysteme notwendig sind, damit sie die Anforderungen aktueller Markt- und Technologie-Trends erfüllen. Teil 1 beschreibt drei aktuelle Trends – Open Banking, Kundenzentrierung und digitale Plattformen – und die technologischen Herausforderungen, welche aus ihnen resultieren.

Die Digitalisierung der Finanzmärkte stellt neue Anforderungen an Banken

Neobanken, Start-Ups und sogenannte „FinTechs“ mischen die Finanzbranche auf und erobern zunehmend Marktanteile in den Geschäftsfeldern traditioneller Banken. Ein Vorteil liegt für sie darin, dass sie sich bereits frühzeitig auf Trends und Geschäftsmodelle eingestellt haben, die Kundenbedürfnisse im digitalen Zeitalter ansprechen. Hierbei geht es vor allem um die folgenden drei Themenfelder:

  • Open Banking – Finanzrelevante Situationen sind für Kunden oft komplex und treten unter hohem Zeitdruck auf. Durch Open Banking können Banken neue digitale Angebote schaffen, mit denen die Kunden schneller und einfacher als je zuvor Finanzdaten verwalten, Transaktionen anweisen, Dienstleister orchestrieren und sogar Kredite aufnehmen können. Open Banking bietet dem Kunden also die Möglichkeit, sein individuelles Bedürfnis in einer finanzrelevanten Situation besser erfüllen zu können. Dabei spielen zumeist Services und Daten aus dem konto- oder auch depotbasierten Banking eine wichtige Rolle. Diese müssen von der Bank des Kunden sicher und auf prozessunterstützende Weise bereitgestellt werden.
  • Kundenzentrierung – Die digitale Daten-Ökonomie eröffnet neue Möglichkeiten, um Angebote auf die Bedürfnisse der Kunden zu zuschneiden. Kundenzentrierung meint dabei eine vollständige Ausrichtung aller Aktivitäten auf den Bedarf und das Wohl des Kunden. Die wesentlichen Punkte dabei sind die Steigerung des Kundenerlebnisses (Customer Experience), eine Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen sowie die Personalisierung von Angeboten, basierend auf den Daten, die der Bank zu dem Kunden vorliegen. Die Herausforderung hierbei ist, dass die Verarbeitung der vorliegenden Daten entsprechend ausgewertet, in einer Kundensegmentierung optimiert und fallbezogen sehr schnell zugeordnet werden müssen. Bisher haben Banken die vorliegenden Kundendaten hauptsächlich zu ihrer hausinternen Verarbeitung sowie für statistische und melderelevante Zwecke genutzt, jedoch nicht zum expliziten Vorteil der Kunden. 
  • Digitale Plattformen – Ein Geschäftsmodell, das Menschen, Unternehmen und Organisationen durch eine Infrastruktur befähigt, miteinander zu interagieren und Werte auszutauschen. Sie verbindet diejenigen, die Produkte oder Dienstleistungen anbieten, mit denjenigen, die sie benötigen. Ein Plattform-Betreiber muss nicht zwingend Eigentümer der angebotenen Produkte oder Dienstleistungen sein, er stellt möglicherweise auch nur die Infrastruktur für das Geschäftsmodell bereit beziehungsweise definiert und überwacht die Regeln zur Nutzung der Plattform. Bekannte Beispiele für digitale Plattformen sind Airbnb und Uber. Im Bereich der Finanzdienstleistungen kommen als Plattformbetreiber vor allem große Universalbanken oder Banken mit einem hierauf spezialisierten Geschäftsmodell in Frage. Aber auch mittelständische Banken können mit der richtigen Strategie von dem Trend der Plattform-Ökonomie partizipieren, beispielsweise als Marktteilnehmer beziehungsweise Anbieter in bestehenden Plattformen.

Aktuelle Trends erfordern eine Modernisierung der Kernbankensysteme

Um angesichts dieser Trends geeignete Angebote zu entwickeln und bereitzustellen, brauchen Banken ein neues Selbstverständnis und Mindset – sowie die passende technologische Basis. Traditionelle Bankhäuser unterhalten in der Regel über Jahre hinweg gewachsene Kernbankensysteme. Es gilt nun, diese mit entsprechenden Funktionalitäten auszustatten. 

Herausfordernd für das Open-Banking ist vor allem die Architektur des Kernbankensystems. Diese sieht die Bereitstellung von bankfachlichen Diensten und den Daten über definierte Schnittstellen oftmals (noch) nicht vor. Dann müssen erst Zugriffsmöglichkeiten auf die Kernbankenfunktionalität über Kommunikationsschnittstellen zum bestehenden Kernbanksystem implementiert werden. Dies ist in der Regel mit erheblichen Investitionen verbunden.

Für eine digitale Plattform genügen die Anforderungen an das Kernbankensystem, die bereits mit einer Open-Banking erfüllt sein sollten. Dies gilt sowohl für Fälle, in denen Banken die Plattform bereitstellen als auch für solchen, in denen sie als wesentlicher Beteiligter die bankspezifischen Leistungen in eine bestehende Plattform einbringen.

Eine sichere und schnelle Verarbeitung der kundenrelevanten Daten sowie Konto- und Umsatzdaten und der daraus resultierende konsistente, immer aktuelle Datenhaushalt, sind auch für die Umsetzung einer Kundenzentrierung die wichtigste Anforderung an das Kernbankensystem. Ergänzt wird ein kundenzentriertes Banking durch die möglichst standardisierten und automatisierten Prozesse der Gesamtanwendung. Dadurch erhält der Kunde ein Banking-Erlebnis ohne örtliche, zeitliche und gerätetechnische Barrieren. Offenheit der Kernbankenanwendung beziehungsweise des Gesamtsystems sind auch hier die technischen Minimalanforderungen für ein erfolgreiches kundenzentriertes Banking. Viele fachliche Anforderungen betreffen allerdings nicht primär das Kernbankensystem, sondern Kundenschnittstellen oder die Umsysteme – zum Beispiel „Know your customer“ (KYC) oder eine Zahlungsverkehr-Lösung. Diese müssen in der jeweiligen Strategie sinnvoll integrierbar sein.

Das Schnittstellen-Management ist entscheidend

Die beteiligten Prozessschritte laufen nicht zwingend in den Applikationen der Bank ab. Vielmehr sind es oft Dritte, die Services sowie entsprechende Daten bereitstellen und verarbeiten. Diese sind über die APIs in den Gesamtablauf eingebunden. Neue Anforderungen an die Kernbanken-Funktionalität werden hierbei meist nicht gestellt. Voraussetzung ist aber, dass Anwender die betroffenen Services und Daten des Kernbankensystems wie auch der notwendigen Umsysteme (z. B. KYC, Identity-Management) in Echtzeit nutzen und die Daten sofort verarbeiten können.

Die wichtigsten APIs sind durch PSD2 „standardisiert“. Bereits vor PSD2 gab es einzelne Banken, die ganz bewusst über definierte Schnittstellen (APIs) Drittanbietern Zugriff auf Kunden und deren Daten sowie bankfachliche Dienste bereitgestellt haben. Mit PSD2 sind nunmehr alle EU-Banken damit konfrontiert worden. Eine Öffnungsstrategie wurde diesen Banken also über die PSD2-Regulatorik per Gesetz verordnet, zumindest für die definierten PSD2-Geschäftsvorfälle.

APIs ermöglichen unter anderem die Bereitstellung von Kontodaten, die Umsatzhistorie und die Initiierung von Zahlungen, ergänzt durch Kreditkartendaten und Daten aus dem Depot des Kunden. Sie sollten aber auch in der Lage sein, Konto- und Umsatzdaten mit den kundeneigenen Applikationen zu verknüpfen; zum Beispiel Liquiditätsmanagement- oder Buchhaltungssysteme der beteiligten Unternehmen. Drittdienstleister oder Unternehmen profitieren von diesen APIs, da sie damit die Daten des Bankkunden in den Apps und in eigenen Systemen nutzen können. Somit wird die Kundenbindung gestärkt und das Neukundenpotenzial erhöht.  

Im zweiten Teil dieser Blogserie wird aufgezeigt, welche Features der bestehenden (Legacy-) Kernbankensysteme den eingangs beschriebenen Trends entgegenstehen und an welchen Punkten Modernisierungsinitiativen ansetzen sollten.

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